Geschrieben von: Nowak-Trytko 14.02.2012
Die Opt-in Directive: Interview mit Matthias Bettag, Sprecher der SIG der Web Analytics Association
Datenschutzdiskussion, Urheberrechte - man könnte denken all diese Themen sind in diesem Jahr losgetreten worden. Doch dem ist nicht so. Die juristische Ausarbeitung der Gesetzt hinkt scheinbar hinterher. Als Beleg dafür kann man die Acta nennen. Hier wird versucht mit einem Gesetzt Offline- und Online Welt gleich zu setzten. Hier wird es noch viel Aufklärung betrieben werden müssen, damit alle verstehen welcher Nutzen und welcher Schaden entstehen kann.
Eine Parallele zur Opt-in Directive. Im Folgenden der zweite Teil des Interview mit Matthias Bettag (erster Teil), Sprecher der Special Interest Group (SIG) der Web Analytics Association (WAA). Themen sind u.a. Praxisanwendungen, Nutzersicht, Aussichten für Anwender von Webanalytics Tools.
Wie sieht die Umsetzung in der Praxis aus?
Bisher gibt es noch wenige Beispiele. In Großbritannien, wo bereits seit Mai 2011 ein Gesetz existiert, besteht noch eine Schonfrist für Websitebetreiber. Erst ab Mai 2012 müssen dort Websites das Opt-In-Verfahren anbieten. Wie die konkrete Umsetzung dann ausehen wird, bleibt abzuwarten. Selbst die Betreiber der englischen ICO Webseite (http://www.ico.gov.uk), auf der das Opt-In-Verfahren bereits eingeführt wurde und seitdem 90 Prozent des Traffics nicht mehr gemessen werden (siehe http://topsy.com/www.flickr.com/photos/vickyb/5859873960/?allow_lang=en), geben im Opt-In Text zu, dass sie Cookies setzen, bevor der User zustimmt ("One of the cookies ... has already been set", siehe http://www.ico.gov.uk/Global/privacy_statement.aspx).
Was bedeutet das für den Nutzer? Welche Vorteile und Nachteile hat ein Surfer im Internet dadurch? Merkt er diese Veränderung überhaupt?
Die technische Realisierung eines Online-Shops wird grundsätzlich nicht gefährdet. Die Session Cookies bleiben ja unangetastet, sonst könnte der Online-Käufer seinen Warenkorb nicht füllen. Auch anmeldepflichtige Websites sind im Vorteil, weil die Registrierung ohnehin ein Opt-In erfordert. Das trifft auch für Social Media Communities zu. Inwiefern das Login als "wildcard" für nachgelagerte Trackingmaßnahmen gelten und wie vollständige Transparenz erreicht werden kann, ist eine spannende Frage.
Der große Nachteil der bestehenden Regelung ist, dass sie die Webanalyse auch dann betrifft, wenn nur anonyme Nutzersegmente analysiert werden, um den Service oder die Effizienz einer Website zu verbessern.
Die Webanalyse hätte bei einem strengen Opt-In Gesetz nur noch einen Bruchteil der Daten zur Verfügung. Man müsste das Nutzerverhalten dann also hochrechnen, um nachzuvollziehen, welches Verhalten mit welcher Ursache zusammenhängt. Der Sitebetreiber könnte nicht mehr erkennen, welcher Anteil der Nutzer nach Eingabe von Keyword X via Suchmaschine auf die Landingpage Y gekommen ist. Ob eine Landingpage die Interessen der Besucher wirklich bedient und mit welcher möglicherweise unerwarteten Absicht eine Landingpage besucht wird, ist dann nicht mehr messbar.
Man könnte nur stark erschwert einen Service optimieren, was wiederum die Nutzer frustriert. Und das betifft nicht nur Shopping-Angebote, sondern auch Behörden, Verwaltungs-Webseiten, Universitäten, Non-Profit Organisationen oder Spendenaufrufe. Überall dort, wo Seitenanbieter Informationen schnell und passend zur einer bestimmten Fragestellung bereitstellen möchten, wird das Verfahren erschwert. Die Benutzer werden deutlich mehr Aufwand betreiben müssen, um das Gesuchte schnell zu finden.
Was müssen Webanalyse-Anbieter in Zukunft beachten?
Es muss zukünftig gewährleistet werden, dass persönliche Daten gar nicht erst gespeichert werden. In Deutschland gehört schon die IP Adresse zu den persönlichen Daten Der Sitebetreiber muss ermöglichen, dass selbst auf den ersten Blick anonyme Nutzerdaten dem jeweiligen Benutzer transparent dargestellt und auf Wunsch gelöscht werden können. Denkbar sind auch entsprechende Zertifizierungen durch die EU-Staaten.
Zudem ist denkbar, dass eines Tages die Anonymisierung von Daten (wie der IP-Adresse) durch die Internet Service Provider vorgenommen wird. Dann würden potentiell personenbezogene Daten gar nicht erst in einem Trackingtool ankommen.
Stand der Umsetzung in den einzelnen europäischen Ländern. (www.evidon.com)
Gab es in diesen Ländern Proteste? Wie reagieren Unternehmen, wie Verbraucher dazu?
Grundsätzlich sagt jeder Verbraucher "ja" zu mehr Datenschutz. Ich teile die Auffassung, dass die Transparenz und die Kontrolle der gesammelten Daten stark verbesserungswürdig ist.
Unternehmen neigen nicht dazu, die Verbraucherwünsche in Frage zu stellen. Allerdings gibt es unterschiedliche Vorstellungen über das konkrete Vorgehen. Eine technische Umsetzung kann nur schwer erreicht werden, wenn keine klaren gesetzlichen Regelungen bestehen. Websitebetreiber möchten natürlich nicht die eigenen Geschäftsprozesse oder Ziele behindern, insofern überlegt man genau, welche Maßnahmen nötig sind und welche Konsequenzen sich daraus ergeben.
An der Stelle kommen berechtigte Fragen auf, warum das Kind hier mit dem Bade ausgeschüttet wird. Es ist sicher nicht sinnvoll und erstrebenswert, wenn große Firmen mit entsprechend ausgestatteten Rechts- und IT-Abteilungen sich schadlos halten können während kleine Webseitenbetreiber ohne jegliches Interesse an persönlichen Benutzerprofilen behindert und dramatisch sanktioniert werden können.
Schwerer werden es natürlich Advertising-Netzwerke und andere Third-Party Anbieter haben, welche in der Tat nicht zwingend notwendiger Bestandteil für die Funktionalität einer Webseite sind.
Merkt man schon eine Veränderung auf den Websites?
Auf vielen Websites sieht man derzeit, dass eine Opt-Out Funktion für das Tracking angeboten wird, meist im Impressum oder der Datenschutzerklärung. Auch gibt es mehr Informationen darüber, auf welcher Datenbasis Werbung ausgeliefert wird. Bei Google erscheint ein "Warum diese Anzeige"-Link oben rechts auf den Ads einer SERP. So etwas für alle Ads zu etablieren, wäre vielen wohl am liebsten. Im Sinne der EU Direktive. ist es aber nicht ausreichend.
In den Niederlanden ist es schon gesetzt? Wie haben sich die Websites hier verändert?
Das Gesetz ist dort nicht ratifiziert, da es derzeit in der "zweiten Kammer" blockiert wird. In den Niederlanden wird befürchtet, dass dieses Gesetz zu starke negative Auswirkungen auf die Online Wirtschaft hat. Der Ausgang dieser Diskussion ist dort also noch offen.
Wie weit sind wir in Deutschland? Was sagen die Datenschützer dazu?
Deutschland ist zwar verpflichtet, die EU Direktive in nationales Gesetz umzusetzen, hat es aber bisher versäumt. Die 16 Landes-Datenschutzbeauftragten agieren noch nicht konsistent untereinander und haben teilweise auch unterschiedliche Auffassungen. Die Auslegung von Datenschutzbestimmungen eines Bundeslandes werden nicht unbedingt mit höchster Dringlichkeit umgesetzt. Es könnte sich ja morgen schon der nächste Landesdatenschutzbeauftragte melden.
Leider wird durch derartigen Aktionismus mit manchmal populistischer Note einem wichtigen Anliegen ein Bärendienst erwiesen. Die informationelle Selbstbestimmung, in Deutschland aus gutem Grund Teil der bürgerlichen Grundrechte, sollte nicht unmöglich gemacht werden, indem technische Regelungen eingefordert werden, welche vielmehr durch methodisches Vorgehen und entsprechende Prozesse mit entsprechender Zertifizierung und Garantie erreicht werden könnten. Wesentlich wird sein, wie die reformierte EU Direktive aussehen wird. Diese Regelung wird dann auch in Deutschland gelten.
Was wäre aus Deiner Sicht akzeptabel? Was würdest Du dir wünschen?
Aus Nutzersicht wäre es optimal, wenn ein Nutzer die volle Transparenz über seine Daten erhält. Was dann damit geschehen darf, sollte der Nutzer selbst kontrollieren können. Vom kompletten Blocken oder Löschen, bis hin zum Versteigern der Daten. Wesentlich ist natürlich das Verständnis aller Konsequenzen und immer die Möglichkeit, jederzeit auch alles zu widerrufen.
Auf der anderen Seite wünsche ich mir, dass die Webanalyse als Optimierung eines digitalen Services auch im Sinne der Nutzer akzeptiert wird. Etwa so wie regelmäßige Wartungsarbeiten zur Scheckheftpflege eines Autos. Webanalyse hat wesentlichen Einfluss für die Zukunft und die Entwicklung des Internets.
Danke für das Interview.





